Ausstellungen und Kunstblog
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Mythos Burg (Details)
Germanisches Nationalmuseum
15.06.10 - 29.08.10: Diözesanmuseum
Domberg 21, Freising,
Telefon: 08161-48790
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Bereits zum 13. Mal richtet das Diözesanmuseum Freising nun schon eine Ausstellung in der Reihe „Junge Kunst“ aus. Diesmal ist es die Münchner Künstlerin Katharina Gaenssler, die während ihrer Ausbildung an der Münchner Kunstakademie eine faszinierende Technik entwickelte, Gesehenes photographisch in Tausende von Einzelbildern zu zerlegen und diese dann an anderer Stelle auf eine spannende und verfremdende Art und Weise wieder zusammenzufügen, um so einen neuen Raum und überraschende Blickpunkte in verändertem Maßstab zu schaffen.
Katharina Gaenssler hat sich dabei von zwei besonders geschichtsträchtigen Plätzen auf dem Freisinger Domberg angesprochen gefühlt. Die romanische Krypta des Freisinger Domes aus dem 12. Jahrhundert mit dem Schrein des Gründerbischofs St. Korbinian und das Skulpturendepot des Diözesanmuseums.
Wie ein „memento mori“ wirken die hier aus den unterschiedlichsten Gründen abgestellten Heiligenfiguren. Manche von ihnen sind zu kaputt, andere von zu geringer Qualität, um ausgestellt zu werden. Wieder andere haben einfach keinen sinnvollen Platz mehr in den Räumen des Museums gefunden. Sie werden für Ausstellungen oder Fortbildungen ans Licht geholt. Jede dieser Figuren könnte eine bewegte Geschichte erzählen, von den Menschen, denen sie bei Andacht und Gebet eine Hilfe waren, von Umbauten, Stiländerungen und der „ecclessia semper reformanda“ und schließlich der Entfernung aus der Kirche. Im Museum haben sie eine Ersatzheimat gefunden, auch wenn sie nur noch Stückwerk sind, werden konservatorisch betreut und erhalten. Katharina Gaenssler holte sie durch ihre Photo-Collage aus dem Verborgenen, ermöglicht dem Besucher einen Blick hinter die Kulissen.
Allein 16.475 Einzelfotografien entstanden für die Erfassung dreier Regalbahnen im Skulpturendepot. Hiervon sind durch Auswahl und Beschränkung des Gesamtbildausschnitts 7.748 übrig geblieben, die nun auf der 30 Meter langen und 3,60 Meter hohen Wandabwicklung des Speisesaals des ehemaligen Knabenseminars aufgebracht sind.
In strenger Reihe, stets von oben nach unten und in sukzessivem Fortschreiten von links nach rechts folgt Bildausschnitt auf Bildausschnitt. Untersicht, Frontalität und Aufsicht lösen sich einem Vexierbild gleich unaufhörlich ab und durchziehen die BildabfolÂge wie ein dicht gefügtes „Raster“. Jedes Einzelbild verlangt eine Neueinstellung, eine Neufokussierung, wobei sich Belichtung, Schärfe und Verkürzung unÂentwegt ändern. Der Fotoapparat dokumentiert dabei in technischer Weise den natürlichen SehvorÂgang des menschlichen Auges, der im Grunde eine unendliche Aneinanderreihung von Einzelbildern darstellt, vergleichbar auch dem Medium Film.
Auch in der romanischen Krypta des Freisinger Doms bildet sich Geschichte in eindrücklicher Weise ab. Augenscheinlich liegt dieser Umstand zunächst in ihrem hohen Alter, ihrer Ehrwürdigkeit als Grabstätte des Bistumsvaters Korbinian und ihrer archaischen Raumgestalt begründet. Doch ihr eigentlicher BeÂdeutungsgehalt reicht weiter über die materielle Dimension von altem Baukörper und kostbarem Heiligenschrein hinaus und erschließt einen nicht fassbaren, „geistigen“ Raum. Die ältere deutsche Sprache kennt das Wort „Geschichte“ auch in der NeutrumÂform als „das Geschichte“, also die zählbaren „Geschehnisse“ sind untrennbarer Teil dieses Ortes geworden. Wie die Jahresringe eines Baumes sind sie Ausdruck stetigen Wachstums, das sich über das Jetzt in die Zukunft fortsetzt. Diese immaterielle „Schichtung“ ist ungleich substantieller als jedes haptisch greifbare Fassungspaket – wie die Summe von Farbanstrichen – an der Raumschale. Sie öffnet die Krypta in einen weiten Kosmos menschlicher Gegenwart.
Katharina Gaenssler veranschaulicht subtil das subjektive Moment von „Geschichte“, das jeder BeÂtrachtung von Geschichte zwangsweise innewohnt. Sie erinnert in ihren für das DiözesanÂmuseum entstandenen Arbeiten eindrücklich daran, dass es in der Kunst wie im Leben selten den „einen“, wahren Betrachterstandpunkt gibt, sondern dass erst aus der Vielzahl der Perspektiven der Blick auf das Ganze gelingen kann. Die Masse der Bilder ist dabei nicht Selbstzweck, sondern – wie Gaenssler es nennt – eine „Waffe gegen die Bilderflut“, ein sehr humanes Mittel zur Beherrschung des Unendlichen. Geschichte – geistig wie materiell – bleibt in seinen Geschichten im Jetzt erlebbar und begreifbar.
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